Texte

Thomas D. Trummer (Leiter der Kunsthalle Mainz):

Rede anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Ortsumgehung“ im Mainzer Landtag am 20.11.2013

 

Die beiden Künstlerinnen Cornelia Rößler und Vera Zahnhausen haben ihrem Projekt einen eigenwilligen Ausstellungstitel gegeben: „Ortsumgehungen“.

Der rheinland-pfälzische Landtag ist natürlich kein Ort, den man umgehen sollte. Es ist ein Ort der Begegnung und der Begehung. Aber Künstler wollen es den Menschen, den Besuchern und auch den Politikern, nicht immer leicht machen. Also sträuben sie sich gegen gewisse Vorgaben. Umgekehrt machen es Politiker Künstlern nicht leicht mit anderen Vorgaben.

Die beiden hatten mich gebeten, über ihr Werk, über die Gemälde und Fotografien zu sprechen. Aber ich würde gerne etwas ganz anderes machen, nämlich eine Art „Sachumgehung“, vielleicht sogar eine Art Themenverfehlung. Als ich nämlich gestern hier herein kam, hatte ich einen ganz anderen Eindruck. Ich habe mir ein paar Minuten Zeit genommen, was Sie auch tun sollten, und die Bilder in Ruhe betrachtet. Da habe ich etwas mitgenommen, was selten ist, aber auf dass ich Sie hinweisen möchte: Haben Sie schon einmal erlebt, dass Bilder riechen können?

Ich dachte, dass diese Ausstellung riecht. Ich meine nicht, dass manche Bilder wirklich riechen. Wenn Sie z.B. in Ateliers gehen, dann können Sie Acryl und Öl riechen. Ich meine etwas ganz anderes. Ich meine, dass etwas im Bild selbst, etwas Eingebildetes, etwas Imaginiertes einen Geruch auslöst.

Über das Sehen kommen uns andere Sinne in den Sinn. Wenn Sie besonders die Gemälde, die von Vera Zahnhausen stammen, genau betrachten, dann sehen Sie nicht nur Farben, nicht nur Blau, nicht nur Grün, nicht nur Weiß. Ich dachte, ich nehme auch noch etwas anderes wahr. Sumpfige Landschaften, Wiesen, Blubberndes. Sie sehen auch so etwas  - oder riechen es vielleicht sogar – Modriges.

Sie sehen Landschaften, die bewegt sind. Wiesen, Pflanzen, die wuchern, die sich bewegen, die aus der Spontanität der Hand gemalt sind. Manchmal denkt man, es gäbe so einen Spontanwuchs, der sich eigentlich nur aus der Malerei heraus entwickelt. Da beginnen die Pflanzen auch deshalb schon zu riechen, weil sie fast lodern. Da ist etwas in Bewegung, das mehr als wächst. Es verbrennt zugleich auch.

Daneben gibt es in allen diesen Gemälden von Zahnhausen auch Architekturen. Es sind bizarre Architekturen, manchmal sind sie amorph, gewölbt, Rundräume. Aber auch diese Räume sind in einer seltsamen Atmosphäre. Es sind Schutzräume gegen eine Natur, die gleichsam lebendig ist, trotzdem aber abschreckend. Abschreckend auch, weil sie mit dem Himmel eine Einheit eingeht, eine malerische Einheit. Manchmal weiß man nicht, wo die Landschaft aufhört und wo der Himmel beginnt. 

Dieses „Umgehen“ ist vielleicht auch ein Umgehen der Sinne. Es ist nicht nur ein Betrachten, sondern ein Eingebettet-Sein in etwas ganz anderes. Etwas, dass nur Sie spüren, nur Sie wahrnehmen und nur Sie aufnehmen und nur Sie imaginieren. Es ist eine Anwesenheit von etwas, das gar nicht da ist.

Und das ist auch das Haupt- und Kernthema von Cornelia Rößler. Da sehen Sie Fotografien. Diesmal klein, diesmal scharfkantig geschnitten, diesmal zu einem Werk jeweils in eine Serie gebunden.

Hier ist nicht die Spontanität der Farbe, hier ist nicht die Verve der Malerei, hier ist nicht die Zügigkeit des Pinselstrichs. Hier ist alles sehr präzise, sehr klar, in Koordinaten gesetzt - und eigentlich „arm“.

In diesen Bildern ist fast nichts. Sie sind leer. Sie sind Leerstellen. Und das ist auch das, was sie so beängstigend macht.

Sie haben ganz andere Gerüche. Es ist nicht das Modrige einer verwesten Landschaft, es ist nicht vielleicht das Tropische, was man bei Zahnhausen manchmal spürt. Es ist nicht die Natur.

Es ist die Anwesenheit von etwas Abwesendem oder eigentlich eher von jemand Abwesendem. Und auch den oder die spürt man oder riecht man vielleicht sogar. Es ist klar, dass es verlassene Häuser sind und dass diese Serien eigentlich weniger „Ortsumgehungen“ sind als Zeugnisse von Verlassenschaft.

Sie sehen die Böden, Sie sehen die Fußleisten, Sie sehen die Wände. Und Sie sehen in einem Bild in jeder Serie auch ein Gemälde, das man zuerst ebenfalls für eine Fotografie hält. Wenn Sie ganz nah heran gehen, dann können Sie vielleicht dieses Bild auch wirklich riechen. Sie sehen dann nicht nur ein opakes, ein monochromes, eingefärbtes Bild. Sie sehen auch die Spur des Pinselstriches. Sie sehen nicht die Wellen, nicht die Pinselschläge, nicht die farbigen, nicht die lodernden, aber die leisen und opaken, den lichtschluckenden, absorbierenden Auftrag. Etwas, das selbst sozusagen anscheinend eine Umwelt einziehen, aufnehmen oder vielleicht riechen kann.

 

Nehmen Sie sich die Zeit, nehmen Sie sich Gelegenheit diese Bilder zu sehen. Lassen Sie sich von Zahnhausen entführen in andere Welten, vielleicht sogar in zukünftige. Und lassen Sie sich von Rößler erinnern. Vielleicht doch an den ursprünglich geplanten Ausstellungstitel, der  - wie ich jetzt hörte - „Vergänglichkeit“ war. 

 

 

Dr. Lieselotte Sauer-Kaulbach:

Rede anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Wandertag“ in der Galerie Krüger am 8. März 20012

 

Ein Wohnwagen. Besonders jetzt im Frühling, wenn die Sonne wieder herauskommt, weckt sein Anblick Lust aufs Reisen, aufs Mobilsein. Gerade eingeschworene Wohnwagen- und Campingfanatiker werden sicher behaupten, dass dies die einzig wahre Methode überhaupt sei, los zu starten, spontan, direkt und ohne langwierige Suche nach Hotels oder Ferienwohnung. Einfach den Wohnwagen hinten ans Auto hängen, und ab geht die Post. Nichts scheint geeigneter für Mobilität, für ein frei gewähltes, selbstbestimmtes lustiges Wander- und Reiseleben - wenn der Wohnwagen denn immer fahrbereit ist.

Derjenige, den wir auf dem größten Bild von Vera Zahnhausen in dieser Ausstellung sehen, macht nicht unbedingt Eindruck, als wäre er das. Leicht angegammelt und angerostet steht er irgendwo in der Landschaft, in einem verwilderten Garten, der wieder Teil der Landschaft geworden ist, rum, Räder sind nicht zu sehen, also mit Fahren ist da nix, zumindest nicht ohne erheblichen Aufwand. Den Wohnwagen, erzählte mir die 1969 in Boppard geborene, jetzt in Güls lebende Künstlerin, die zunächst Kunsterziehung und Kunstwissenschaft in Koblenz und später dann noch einmal Malerei in Essen studierte, habe sie auf einem ihrer Spaziergänge gesehen. Sie sei nämlich, meinte sie dann noch lachend, eine begeisterte Spaziergängerin (das zeigt allein schon der Titel dieser Ausstellung, „Wandertag“!), und solche Wohnwagen finde man beispielsweise, zur Gartenlaube degradiert, in etlichen der Gärten, an denen sie häufig vorbeigehe. Der Wohnwagen in ihrem Bild ist auf der Leiter gewissermaßen noch einen Schritt weiter abgestiegen, da scheint nicht mal mehr ein Schrebergärtner wirklich ernsthaftes Interesse daran zu haben, denn der dazugehörige Garten ist weist seinerseits schon arge Verfallserscheinungen auf, ist fast wieder eins geworden mit der Natur.

Und damit sind wir genau bei dem zentralen Thema, das die Künstlerin immer wieder fasziniert, das sie immer wieder in ihren Bildern aufgreift: Das Thema der Wiedereroberung von Menschengeschaffenem durch die Natur, allgemeiner und mit Fontane formuliert: „Tand, Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand.“, wie es in Theodor Fontanes Ballade „Die Brück‘ am Tay‘“ heißt. Da geht es allerdings um erheblich mehr als um einen langsam, aber sicher vergammelnden Wohnwagen, nämlich um den Einsturz der Brücke über den schottischen Firth-of-Tay am 28. Dezember 1879, nur eineinhalb Jahre nach der Fertigstellung. Die Brücke riss beim Einsturz einen Eisenbahnzug mit sich in die Tiefe, wobei 75 Menschen ums Leben kamen. Ein Ereignis, von dem Fontaner in der „Vossischen Zeitung“ las und das ihn so beeindruckte, dass er sich gleich ans Schreiben machte und schon im Januar 1880 seine Ballade in der Zeitschrift „Gegenwart“ veröffentlichte. Den vernichtenden Spruch legt er übrigens einer der drei in der Ballade auftauchenden Hexen aus Shakespeares „Macbeth“ in den Mund. Das Hexentrio hat sich verabredet, um böse Pläne zu schmieden, die zum Einsturz der Brücke und zum Unglück des Zuges führen sollen.

Bedrohung, Vergänglichkeit des Menschengeschaffenen. In Vera Zahnhausens Bild steht dafür nicht nur der leicht desolate Wohnwagen allein, sondern vor allem auch (tatsächlich) das Brückenfragment, das über allem, über dieser dschungelartig zuwuchernden Gartenidylle damoklesartig zu schweben scheint. Die Winninger Autobahnbrücke? Vielleicht. Aber es geht ja gar nicht um die realistische Darstellung irgendeines konkreten Ortes, sondern um die einer in ihrer Aussage ganz bewusst zu verallgemeinernden Situation. Dass dem so ist, unterstreicht auch die allen Bildern, sieht man einmal von der Serie der auch formatmäßig aus dem Rahmen fallenden „Stadtstrand“-Darstellungen ab, immanente stilistische Zwiespältigkeit, die Gratwanderung zwischen Figuration und Abstraktion, auf die sich die Künstlerin in jedem Bild aufs Neue und höchst  bewusst begibt.

Und deshalb schwebt die Brücke eben nur als Bruchstück und nicht als voll ausgearbeitetes Bauwerk im Bild. Nur so viel wird von ihr sichtbar, wie für die zentrale inhaltliche Bildaussage gerade eben notwendig ist. Für diese zentrale Bildaussage braucht die Zahnhausen dieses Brückenfragment und den Wohnwagen; alles andere in diesem Bild ist vor allem eins: eigenlebendige Farbe. Aufgetragen in bewegtem, energischem Duktus, mit teilweise geradezu flammenden Pinselschwüngen.

Ergebnis ist ein Bildteil, dem man natürlich seine pflanzliche Herkunft anmerkt, der aber in keinem Fall etwas Naturalistisches hat. Vielmehr ließen sich weite Partien dieses Bildes und auch der ihm in dieser Ausstellung benachbarten Arbeiten als nicht-gegenständliche Komposition interpretieren. Eine Komposition, in der es um das gegensätzliche oder auch betont harmonische Miteinander von Farbe geht, um das Erschaffen von allem Realistischen entfremdeter Farb- und Lichträume, die von ganz eigenen Gesetzen beherrscht werden

Was in diesem Bild der Wohnwagen und das Brückenfragment sind, das sind in anderen Bildern auffällig häufig Zäune, Geländer. Besser: Fragmente von Zäunen und Geländern, also Dinge, mit denen der Menschen seine Gärtchen, seine Naturclaims. Auch hier ist es gar nicht unbedingt notwendig, genau zu wissen, wo sich diese Fragmente finden. Eines, das Fragment eines Geländers, findet sich in jedem Fall in einem der schönsten Gärten von Cornwall, den „Lost Gardens of Heligan“, in der Nähe des idyllischen Hafenstädtchens Mevagissey gelegen. Natürlich, wenn man’s weiß, kommen vielleicht noch zusätzliche Implikationen ins Spiel, denn diese Gärten sind, wie der Name schon sagt, tatsächlich fast verlorene Gärten und damit so etwas wie ein Phönix, der aus der Asche wiedergeboren wurde. Teile dieses Gartens, wie beispielsweise die Pleasure Grounds, der Ziergarten, sind bis zu 200 Jahre alt, Gartenkunst des 18. Jahrhunderts, zu der das 19. Jahrhundert weitere Teile beisteuerte, den in einer Schlucht wuchernden Dschungel-, den selbst Ananas umfassenden Nutzgarten etc. Ein Kunstwerk, das nach dem Ersten Weltkrieg weitgehend in Vergessenheit geriet, in dem nicht mehr der Mensch, sondern die alles erobernde Natur wieder die Herrschaft übernahm und das erst in den 1990er Jahren von einer Schar fanatischer Gartenliebhaber tatkräftig aus dem Dornröschenschlaf geweckt und beeindruckend hergerichtet wurde.

Wie gesagt: Man muss das nicht wissen. Aber wenn man es weiß, dann bekommt dieses Geländerfragment, das sich spannungsvoll durch die Bilddiagonale zieht, etwas doppelt Symbolisches, erinnert gleichzeitig an den gestaltenden Eingriff des Menschen in die Natur und die Vergänglichkeit dieses Eingriffs. Auch hier wird Umgebendes nur angedeutet, Vegetation, mit wenigen, hier beinahe zeichnerischen Strichen auf die Leinwand gebracht, beinahe japanisch angehaucht, vielleicht auch des Hintergrunds halber, von dem sich diese reduzierten Pflanzenmotive abheben, ein einziges Schwelgen in zart, lasierend aufgetragenen bläulichen und violetten Farbtönen.

Auch dafür, für dieses Lasieren, dieses behutsame Gestalten mit vielen, hauchfein aufgetragenen Farbschichten besitzt Vera Zahnhausen eine ausgesprochene Vorliebe, wie ein anderes ihrer „Zaunbilder“, wie ich sie taufen möchte, beinahe noch besser demonstriert. In ihm sehen wir einen simplen Bretterzaun, der einigermaßen windschief, krumm und funktionslos in der Gegend herumhängt, ein Motiv, das der Künstlerin wieder bei ihren Spaziergängen aufstieß. Nur wenig scheint diesen Zaun noch vor dem völligen Umsturz zu bewahren. Dass sich um einen der wie ein Kreuz aufragenden wackligen Pfosten ausgerechnet eine sich zum Kreis, zum Kranz windende Efeuranke rankt, erscheint in diesem Zusammenhang doppelt reizvoll. Hie ein Symbol der Vergänglichkeit menschlichen Tuns, dort ein Bild für Ewigkeit, zumindest für die sich kontinuierlich erneuernde Kraft der Natur. Das hat nicht nur etwas Deprimierendes, sondern eben zugleich auch etwas sehr Tröstliches, um so mehr, als sich hinter dem Zaunfragment auch hier wieder ein abgründiges Meer zarter Farben auftut, ein Meer in Graublau, aufgehellt durch einen zartrosa Hoffnungsschimmer.

Sie sehen: Wir finden, bei aller Unterschiedlichkeit der Bilder, immer wieder ähnliche inhaltliche Aussagen und vergleichbare stilistische Grundlagen. Immer wieder das Mit- und Gegeneinander von Mensch und Natur, von Vergehen und Werden, immer wieder das Mit- und Gegeneinander von Gegenständlichem und Abstraktem, das Ausloten dessen, was sich aus und mit Farbe erschaffen lässt. Das macht aus den Bildern Vera Zahnhausens in dieser Galerie die perfekte Nahtstelle zwischen 2011 und 2012, einerseits zu dem eben der Verwandlung geltenden Programm des vergangenen Jahres, andererseits zu dem, was wir in diesem Jahr unter dem Obertitel „Kunst, Kultur und Religion“ zu sehen bekommen werden. Ich denke, Sie sind darauf nach diesem Auftakt genauso gespannt wie ich.